Wie viel Kraft, Anstrengung und Zeit
steckst Du in Bemühungen,
den Ärger Deines Kindes,
seine Frustration oder Trauer
zu vermeiden bzw. zu beseitigen?

Zeit, In der Du lernen kannst,

mit diesen Gefühlen da zu sein.

In meiner eigenen Erfahrung mit meiner Tochter, habe ich viele Jahre meines Vaterseins 
so verstanden, dass ich es schaffen muss, ein harmonisches Verhältnis zu meinem Kind aufrechtzuerhalten, weil ich sonst ein schlechter Vater bin. 
Mit der Zeit habe ich schließlich verstanden, dass a) dieses Verständnis falsch ist und b), 
dass dieses Verständnis ein Glaubenssatz ist, der mich davor bewahren soll, in die unangenehmen Gefühlswelten eines Konfliktes zu geraten. 


Je mehr ich lernte, meine Gefühle fühlen zu können – in meiner Frustration, meinem Ärger, meiner Hilflosigkeit sitzen zu bleiben, umso mehr konnte ich mir erlauben, den Konflikt nicht zu umschiffen. Das ersparte nicht nur mir enorm viel Anstrengung (hier noch ein bisschen länger Spielen, da noch ein bisschen mehr Motivations- und Begeisterungsarbeit), sondern schuf auch mehr und mehr Vertrauen in unserem direkten Kontakt. 
Es ist so wertvoll für die Beziehung, wenn wir uns erlauben, den Unwillen oder den Willen unserer Kinder voll und ganz zu zulassen und gleichzeitig voll und ganz bereit zu sein, 
für den eigenen Willen oder Unwillen einzustehen. Ein klares: "Ja, ich will das!“ 
Oder ein klares: „Nein, das will ich nicht!“


Umso mehr wir uns selbst erlauben voll und ganz mit unserer Vorliebe oder Entscheidung „ok“ zu sein, desto leichter wird es uns fallen, den Willen des Kindes voll und ganz einzuladen und gleichzeitig „Nein!“ zur unmittelbaren Befriedigung seines/ ihres Willens sagen zu können. (In den Situationen, in denen wir einfach nicht wollen.) 

Wir sagen damit nicht nur "Ja!" zu uns selbst, sondern auch "Ja!" zu unserem Kind, zum Wille des Kindes. Die Botschaft ist dann: „Es ist voll „ok“ etwas zu wollen, aber ich will das gerade nicht!“ - Es ist die Unterscheidung zwischen dem Zulassen des Verlangens, nach z.B. einem Eis und die Erfüllung dieses Verlangens durch das Eis.


Als meine Tochter klein war, haben wir oft vor einem Schaufenster gestanden und sie hat gestaunt über Spielsachen oder Kuscheltiere – ich habe mit ihr mit gestaunt und wir haben uns ausgemalt, wie es wäre, das eine oder das andere Teil zu haben, es zu besitzen – ganz für sich alleine! Und nichts spricht dagegen solche Wünsche auch mal zu erfüllen!


Gleichzeitig ist es ein solches Geschenk zu wissen, das allein die Erlaubnis des Wunsches und des Verlangens danach, den Druck aus dem Verlangen raus nimmt – es ist erlaubt zu wollen und damit ist ein viel wesentlicheres Bedürfnis befriedigt: in dem Verlangen gesehen, angenommen und verstanden zu werden. 
Ich kann sagen: „Du willst dieses Kuscheltier sehr gerne haben, stimmt's?“ Nicken. „Das kann ich gut verstehen, es ist wirklich sehr schön.“ Sollte mein Kind nun darauf drängen, es auch wirklich zu bekommen, kann ich gleichzeitig, in einer klaren aber deutlichen Weise sagen: „Nein, ich möchte Dir das Kuscheltier nicht kaufen!“ 


Je nach Situation, wird mein Kind diese Entscheidung akzeptieren oder nicht. 
Wenn es anfängt starke Gefühle zu zeigen, dann ist es Zeit, sich dafür Zeit zu nehmen. 
Ein solcher Moment ist sehr wertvoll für die Entwicklung unserer Kinder, für deren Entwicklung von Frustrationstoleranz und für das Erlernen, mit unerfüllten Wünschen, mit Gefühlen von Enttäuschung, Verlangen, Traurigkeit usw. umzugehen. 

Für uns Eltern kann es eine Herausforderung sein, der Frustration unseres Kindes zu begegnen, vor allem dann, wenn es stark fordernd wird. Und das ist das wertvolle für uns, hier die Möglichkeit zu haben, ebenso zu lernen, uns zu entwickeln. Hier brauchen wir wirklich viel Mut und Übung, um in solchen Momenten mit der Frustration des Kindes sitzen zu bleiben, bei unserem eigenen "Nein" zu bleiben und ein "Ja" für unser Kind und seine Frustration zu haben. Dem Kind zu ermöglichen und zu erlauben, frustriert zu sein. 


Sehr wahrscheinlich triggert das in uns Eltern ebenso starke Gefühle an - Hilflosigkeit, Ärger, Ohnmacht, Verlorensein oder es bringt unseren inneren Kritiker auf den Schirm: 
„Du bist ein schlechter Vater! Was tust Du nur? 
Was sollen die Leute denken, wenn Dein Kind sich so aufführt? - Das Du ein Versager bist! 
Das Du Dein Kind nicht im Griff hast! Das Du geizig bist und egoistisch!“


Eine solche Situation kann unsere ganze Tagesenergie auf einmal schlucken, wir können uns schwere Selbstvorwürfe aufladen und für den Rest des Tages selbst frustriert werden.

Umso mehr es uns gelingt, in diesen Momenten so gut es geht bei uns zu bleiben – unsere Anspannung zu fühlen, unsere aufkommenden Gefühle zu spüren, unseren Atem bewusst wahrzunehmen, umso besser kann es uns gelingen, weder unser Kind zu beschimpfen, noch uns selbst „aufzugeben“. Letztlich ist es gut zu wissen, dass ein Kind hier wirklich die Chance hat, sehr konstruktiv durch ein für ihn/ sie schwierige und frustrierende Situation begleitet zu werden – ohne Schuldgefühle zu bekommen. Es ist völlig ok, frustriert zu sein, wenn man etwas nicht bekommt, was man sich sehnlichst wünscht.


Die eigene Erfülltheit spüren


Meine Eltern hätten in dem Prozess mit den Schaufenstern, den ich beschrieb, sofort gesagt: „Na das ist ja fies – zuerst stichelst Du das Verlangen an und dann erfüllst Du es nicht – das ist ja Kinderquälerei!“ - und ich habe gemerkt, dass diese Stimme in mir selbst auftauchte, als ich den Prozess beschrieb - ich fühlte Scham.


Diese innere Stimme spricht sehr deutlich aus einer Haltung, die glaubt, Gefühle wie z.B. Verlangen, seien etwas, was man bändigen muss bzw. seien etwas Unbeherrschbares in sich selbst, was deshalb möglichst vermieden werde muss.


Heute weiß ich, dass meine Eltern den eigentlichen Reichtum, der in diesem Prozess liegt, nicht sehen konnten. Indem wir unser Verlangen nach etwas spüren und – als Kind – darin unterstützt werden, kommen wir letztlich mit dem in Kontakt, was in uns selbst ist. 
Wir spüren unser Verlangen, wir spüren das Bedürfnis, das Unerfülltsein – und, indem wir es spüren – kommen wir letztlich mit unserem natürlichen Erfülltsein in Kontakt, welches unabhängig von der äußerlichen Befriedigung durch ein Eis, ein Kuscheltier etc. existiert. Wann immer wir unserem Kind diese Form des „Sich-Selbst-Begegnens“ ermöglichen, lernt das Kind etwas sehr Wesentliches für sein Leben. Den Wert seiner eigenen Existenz. 
Hier werden Begriffe wie Selbstwert oder Selbstgefühl wirklich erfahrbar – das Kind lernt sich selbst kennen. 


Sich selbst wertvoll oder erfüllt zu erfahren, ohne dass es irgendetwas dafür braucht. 

In den Prozessen mit meiner Tochter habe ich sie, nachdem sie durch einen Sturm von Gefühlen gegangen war, als ruhig, ausgeglichen, in sich selbst angekommen und mit sich selbst zufrieden erfahren. Sie war wieder voll mit sich selbst in Kontakt. Von hier aus konnte sie der Welt wieder so begegnen, wie sie ist.


Ich denke, unseren Kindern die Möglichkeit zu geben, dass sie lernen können, mit ihren Gefühlen umzugehen und gleichzeitig sich selbst, auf eine tiefere Weise kennenzulernen, 
ist eins der größten Geschenke, die wir unseren Kindern machen können. 


Oft ist es für uns zuerst und gleichzeitig nötig, zu lernen, mit unseren eigenen Gefühlen umzugehen.